Die Wunden bleiben und so bleibt die Angst: 15 Jahre nach den Terroranschlägen von 9/11

Quelle: By NormanB – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24653869

Ein strahlend blauer Himmel. Dicke Rauchwolken. Lodernde Flammen. Ein Flugzeug, das sich in rasender Geschwindigkeit auf das World Trade Centerzubewegt. Entsetzen in den Gesichtern der Menschen. Manhattan in Trümmern. Diese Bilder sind noch heute in unseren Köpfen eingebrannt. Vor genau 15 Jahren kamen fast 3.000 unschuldige Amerikaner und ausländische Besucher bei Terroranschlägen auf U.S.-Städte ums Leben. „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Auf die Erfüllung dieses Sprichwortes warten die Amerikaner und die Angehörigen der Opfer vergebens. Auch heute sitzt der Schock noch tief. Die Vereinigten Staaten leiden immer noch unter den Folgen der Terrorattacken. Zeitgleich wächst die Angst vor neuen Anschlägen.

Die Anschläge vom 11. September haben das Land finanziell, politisch und gesellschaftlich geschädigt. Die Katastrophe hinterließ tiefe Wunden in Amerika und hat die Überwachungs- und Sicherheitspolitik sowie das Denken und Handeln der Amerikaner einschlägig geprägt.[1] Die Spuren mussten beseitigt und die zerstörten Gebäude wieder aufgebaut werden. Der sogenannte Krieg gegen den Terror im Irak und in Afghanistan trieb die US-Militärausgaben in die Höhe. Die Sicherheitsapparate wurden neu organisiert und mit zusätzlichen Kompetenzen und Ressourcen ausgestattet. Das Land der Freiheit wollte sich in Sicherheit wissen und eine solche Tragödie nie wieder erleben müssen. Der Krieg im Nahen Osten, die Folterskandale in Guantánamo und Abu Ghraib und der NSA-Abhörskandal haben dem weltweiten Ansehen der USA nachhaltig geschadet.

Am Ground Zero erinnert heute nur noch ein Mahnmal an den Tag, der Amerika veränderte. Lower Manhattan hat wieder in seinen Alltag zurückgefunden und erstrahlt in neuem Glanz mit unzähligen Hotels, Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten. Das neu errichtete World Trade Center, das den Namen Freedom Tower trägt, ist ein Symbol für die amerikanische Widerstandsfähigkeit. Nach den Anschlägen rückten die Amerikaner zusammen, um das Erlebte besser verkraften zu können. „United we stand“ hieß das Lebensgefühl, das den Schmerz etwas erträglicher machte. Trotz der großen Trauer erinnern sich viele Amerikaner am Jahrestag gerne an dieses Gefühl der Geschlossenheit. Heute scheint davon nicht mehr viel übrig zu sein. Gerade im Wahljahr wird deutlich, wie gespalten die Vereinigten Staaten sind. Die Themen Immigration, Gleichstellung, Gerechtigkeit und Rassismus polarisieren. Die Wahlkampf-Rhetorik der Präsidentschaftskandidaten trägt ihren Teil dazu bei.

Was bleibt, ist die anhaltende Angst vor neuen Anschlägen, die im kollektiven Bewusstsein der Amerikaner verankert ist. Al-Qaida ist nach wie vor eine ernste Bedrohung. Doch der Islamische Staat und seinen terroristischen Verbündeten stellen die USA und seine Alliierten vor noch nie da gewesene Herausforderungen. Die neuen Gefahren heißen „Lone-Wolf Attacks“ und „Homegrown Terrorism“. Die Angriffe in San Bernardino und Orlando haben das Thema nationale Sicherheit in den Mittelpunkt des Wahlkampfes und die Angst vor dem Terror erneut in das Bewusstsein der Bürger gerückt. Laut aktuellen Studien ist die Angst der Amerikaner vor Terrorattacken so groß wie seit den Anschlägen vom 11. September nicht mehr. 79 Prozent der Befragten einer New York Times Studie[2] denken, dass ein Terrorakt in den nächsten Monaten wahrscheinlich oder sogar sehr wahrscheinlich ist.

Das renommierte Pew Research Institute[3] kam zu ähnlichen Ergebnissen und stellte fest, dass es unterschiedliche Sichtweisen bei Republikanern und Demokraten gibt. 58 Prozent der befragten Republikaner sind der Meinung, dass es für Terroristen heute leichter ist, Anschläge zu verüben, als noch vor 15 Jahren. Bei den Demokraten sind nur 31 Prozent dieser Ansicht. Zudem denkt die Mehrheit der Republikaner (68 Prozent), dass die Politik der US-Regierung zur Bekämpfung des Terrorismus nicht weit genug geht. Nur 33 Prozent aller Befragten befürchten, dass die Überwachungsmaßnahmen die Bürgerrechte der Amerikaner zu stark einschränken. Nach den Snowden-Enthüllungen im Sommer 2013 gab fast die Hälfte der Amerikaner an, dass die Maßnahmen der Regierung zu weit gehen würden. Doch nach den Anschlägen in San Bernardino und Orlando überwiegt der Wunsch nach Sicherheit.

Fünfzehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September ist Amerika eine veränderte Nation. Das Land ist traumatisiert. Aus Angst vor neuen Anschlägen sind viele Amerikaner bereit, ein Stück ihrer Privatsphäre aufzugeben. Dennoch stehen viele Bürger den Überwachungspraktiken skeptisch gegenüber. Die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit zu halten, ist in Anbetracht der Bedrohungen durch den internationalen Terrorismus eine große Herausforderung – nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern für die gesamte internationale Gemeinschaft.

Iris Froeba, Policy Analyst, Transatlantische Dialogprogramm der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit